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1. Definition:
Migräne ist definiert als wiederkehrende Kopfschmerzerkrankung, die sich in Attacken von 4 bis 72 Stunden Dauer manifestiert. Typische Charakteristika sind einseitige Lokalisation, pulsierender Charakter, mäßige bis starke Intensität, Verstärkung durch körperliche Aktivitäten und begleitendes Auftreten von Übelkeit, Licht- und Lärmüberempfindlichkeit.
2. Man kann die Migräne in 3 Hauptphasen gliedern:
I Vorbotensymptome:
Diese treten in 12-88% der Fälle auf. Sie können 2 Tage vor der Kopfschmerzphase beginnen, oder nur 1-2 Stunden vorher auftreten. Erregende Vorbotensymptome sind allgemeine Hyperaktivität, psychische Hochstimmung, großer Appetit auf hochkalorische Nahrungsmittel (süße Nahrungsmittel), eine erhöhte Sensibilität gegenüber Gerüchen, Lärm und Licht sowie auch vermehrte Blasen- und Darmentleerungen. Hemmende Vorbotensymptome bestehen aus Müdigkeit, Abgeschlagenheit, Depressivität, Erschöpfung, Konzentrationsverlust und Denkverlangsamung. Harn- und Stuhlträgheit sind auch möglich.
II Aura:
Eine ganze Reihe von Auraphänomen sind beschrieben und aufgezeichnet worden. An erster Stelle sind hier wohl Sehstörungen zu nennen. Aber auch Schwindel, sensible Missempfindungen, Lähmungen und Sprach- und Gedächtnisstörungen sind beobachtet worden. Sie können isoliert, aber auch in Kombination auftreten. In der Regel dauert die Aura zwischen 20 und 30 Minuten, kann aber auch bis zu einer Stunde anhalten. Als zur Aura gehörig sind zudem neuropsychologische Störungen beschrieben: Diese beinhalten eine große Bandbreite menschlicher Empfindungen wie Verzückung, Euphorie, Wollust aber auch negative Emotionen wie Angst, Panik, Trauer, das Gefühl des Verdammtseins und Ekel. Es kommt zur Veränderung der physischen Grundlagen der geistig-seelisch-körperlichen Integration. Dem zugrunde liegt vermutlich eine Störung der Aktivität der Großhirnrinde.
Im Alter und in der Schwangerschaft - aber nicht nur dort - werden häufiger Migräneauren ohne Kopfschmerz beobachtet.
III Kopfschmerz:
Er hat einen pulsierenden, pochenden Charakter, kann aber auch dumpf-drückend sein. Seine Färbung kann innerhalb der Attacke selbst und von Attacke zu Attacke variieren. Jedes Areal des Schädels, inklusive des Gesichtsschädels, kann betroffen sein. Typisch ist die frontotemporale und periorbitale Lokalisation. Bei 50-60% der Patienten ist der Kopfschmerz einseitig. Der KS nimmt bei körperlicher Aktivität zu. Der Schmerz wird von starken vegetativen Symptomen begleitet. Übelkeit tritt in 65-95%, Erbrechen in 41-59% der Fälle auf. Sicher findet sich eine Appetitlosigkeit bzw. eine Aversion gegen Speisen. Die meisten Patienten sind während einer Attacke fahl und bleich, und man erkennt oft einen grauen Hof um die Augen herum. Die Nase kann verstopft sein oder Sekret absondern.
Die Befindlichkeit während der Schmerzphase ist ebenfalls hochsignifikant verändert. Die Menschen können depressiv, ängstlich, verärgert, empfindlich, müde und benommen sein. Die Denkvorgänge sind verlangsamt, häufig besteht Schläfrigkeit. Die positive Befindlichkeitsdimension ist stark reduziert: z.B. Selbstvertrauen und Konzentration, sensorische Überempfindlichkeit gegen Berührung, Gerüche, Lärm und Licht werden in 61-98% der Fälle berichtet.
An die Kopfschmerzphase schließt sich oft eine Rückbildungsphase an, die auch viele Stunden dauern kann. Sie kann in einer Erschöpfung, in einer Phase der Introversion, der Müdigkeit und erhöhten Schmerzempfindung bestehen.
3. Pathophysiologische Konzepte:
Im Mittelalter wurde die Pathophysiologie der Migräne basierend auf der 4 Säfte Lehre von Galen aufgebaut: Blut, Lymphe, gelbe und schwarze Galle. Den Säften waren die 4 unterschiedlichen Temperamente zugeordnet: Sanguiniker, Choleriker, Melancholiker, Phlegmatiker. Die Harmonie der Säfte konnte durch aufsteigende Säfte aus dem Magen, Darm und der Galle entstehen. Diese Säfte stiegen dann zum Gehirn empor und lösten durch das in ihnen bestehende Ungleichgewicht eine Funktionsstörung des Gehirns hervor. Mit dieser Lehre war es möglich, psychische und organische Phänomene zusammen zu bringen und zu bearbeiten.
In den letzten Jahren rückte die Sensibilisierung von perivaskulären Nervenendigungen, speziell die neurogene Entzündung, bei der Entstehung des Migränekopfschmerzes in den Mittelpunkt der Betrachtung. Mit diesem Konzept lässt sich der Migränekopfschmerz relativ gut erklären, nicht jedoch die Aura.
Die neurogene Entzündung wurde von 1937 von Lewis beschrieben. Die Hauptkomponenten dieser Entzündung sind die Vasodilatation und die Plasmaextravasation. Die erhöhte Schmerzempfindlichkeit kann durch eine verstärkte Sensibilisierung der sensorischen, perivaskulären Fasern erklärt werden. Durch ihre Sensibilisierung können dann Gefäßpulsationen als pulsierender und pochender Migräneschmerz wahrgenommen werden. Die neurogene Entzündung (efferente Fasern) wird durch elektrische, mechanische oder chemische Stimulationen ausgelöst. Eine zentrale Aktivität ist dabei jedoch nicht zwingend, da die alleinige periphere Stimulation zur Freisetzung vasoaktiver Neuropetide führen kann. Die Freisetzung geschieht über unmyeliniserte C-Fasern. Substanz P, Neurokinin A und CGRP sind daran beteiligt. Die neurogene Entzündung führt weiter zur Bildung von endothelialen Mikrovilli, Vakuolen und Vesikeln. Darüber hinaus führt sie zu einer Degranulation von Mastzellen und einer Thrombozytenaggregation. Es wird vermutet, das 5-HT1-Agonisten die neurogene Entzündung hemmen, indem sie die Freisetzung vasoaktiver Neuropeptide wie Substanz P, Neurokinin A über C-Faser abhängige Mechanismen blockieren. Aspirin hat keinen Einfuß auf die neurogene Entzündung.
Streß, Veränderungen des zirkadianen Rhythmus, Emotionen, hormonelle und metabolische Störungen, das Auslassen von Mahlzeiten sowie Erschöpfung werden als Triggerfaktoren für das Auslösen einer Migräneattacke betrachtet.
4. Eigene Erfahrungen:
Eine komplementärmedizinische Therapie der Migräne ist sehr erfolgreich möglich und wurde von mir an einer Vielzahl von Fällen beobachtet. Der primäre Ansatz liegt nicht darin, den Schmerz zu behandeln. Vielmehr geht es darum, den Stoffwechsel zu aktivieren und Entgiftungen einzuleiten. Letzteres ist mit unterschiedlichen Pflanzenextrakten möglich, z.B. Quecke, Sarsaparille, Braunelle, Vergissmeinnicht oder der Klette. Parallel findet eine Behandlung der inneren Organe statt, z.B. der Leber, sehr häufig des Darmes und des Urogentialtraktes (je nach Anamnese und Befund). Für die akute Behandlung werden unterschiedliche homöopathische Mittel zu Reduktion des Schmerzes eingesetzt. Diese reichen von Arsenicum album über Aconitum napallus bis hin zu Carbo betulae. In der Regel wird sehr schnell eine Abnahme der Anfallsfrequenz beobachtet. Spätestens nach 2-3 Monaten hat die Frequenz der Anfälle erheblich abgenommen (z.B. von 2x/Woche auf 1x in 2 Monaten).
5. Implikationen auf den Pathomechanismus:
Meine Beobachtungen sind sehr gut mit der so genannten „Störung der Säfte“ nach von Galen und mit dem modernen Konzept der neurogenen Entzündung in Einklang zu bringen. Migräne ist in erster Linie auch nach meiner Einschätzung eine Stoffwechselstörung (veränderte Konzentrationen von Hormonen, Transmittern, Abfallprodukten des Stoffwechsels) und nicht eine Erkrankung des Gehirns. In den Stoffwechselprodukten liegt tatsächlich ein Ungleichgewicht bzw. eine zu hohe Konzentration vor. Diese Stoffwechselprodukte oder Metaboliten erreichen über das Blut das Gehirn und werden in diesem registriert und gemessen. Orte hierfür sind die so genannten periventrikulären Organe, in denen die Blut-Hirn-Schranke aufgehoben ist. Hier ist besonders die Area postrema von Interesse. Sie ist eine Struktur, die mit Erbrechen und Übelkeit in Verbindung gebracht wird. In dieser Struktur gibt es Bindungsstellen für viele Hormone und Metabolite (Cholzystokinin, Adrenomedullin, Zucker-sensitive und Natrium –sensitive Neurone, Katocholamine, Serotonin u.a,) die im Zusammenhang mit der Migräne von großem Interesse sind. So haben z.B. Cholzystokinin und Adrenomedullin Einfluss auf den Hunger und die Aversion von Speisen. An den periventrikulären Organen besteht das Scharnier zwischen Stoffwechsel und ZNS. Das Blut hat unmittelbaren Kontakt zu den ‚messenden Neuronen’, ohne die sonst übliche Blut-Hirn Schranke. Diese nun aktivierten Neurone der Area postrema wirken direkt oder indirekt erregend auf spezifische Neurone, so z.B. auf Neurone der Raphe Kerne oder von trigeminalen Kernen. Über efferente Neurone kann dann die oben beschriebene neurogene Entzündung perivaskulär ausgelöst werden.
Alternativ ist natürlich denkbar, dass Stoffwechselprodukte auch direkt an den perivaskulären C-Fasern eine Entzündung auslösen. Hier stellt sich allerdings die Frage nach der Spezifität und Lokalisation der Schmerzen in den trigeminal versorgten Gefäßen.
Es ließen sich mit diesem pathophysiologischen Konzept zwanglos uralte und moderne Theorien miteinander vereinen. Sie schließen sich nicht aus, sondern ergänzen sich.. Das Bild wird mehrdimensional und damit umfänglicher und reicher.
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